Bob der Streuner

Veröffentlicht am 5. April 2026 um 08:13

Autor: James Bowen
Reihe: Bob der Streuner
Teil: 1 – Die Katze, die mein Leben veränderte
Seiten: 250
Sterne: 4,5/5

 

Beschreib mir doch mal den letzten Straßenmusiker, den du gesehen hast …
Und hast du ihn wirklich gesehen, oder war da nichts – außer Vorurteilen?

 

Falls ihr das nicht könnt, geht es euch wie mir. Klar, ich registriere sie, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Dem einen oder anderen habe ich sogar Geld in den Hut geworfen – aber gesehen habe ich sie nie …

 

Hätte man mich vor diesem Buch gefragt, ob ich Straßenmusiker oder Obdachlose wirklich wahrnehme, hätte ich „ja, klar“ gesagt. Doch während ich das Buch las, wurde mir immer bewusster, dass ich genauso bin wie die Leute, die James Bowen beschreibt.


Aber warum ist das so?

 

Ich weiß es wirklich nicht. Eigentlich halte ich mich für einen toleranten Menschen, der wach durch das Leben geht, auf seine Umwelt achtet und gerne hilft, wo es nötig ist. Doch warum wird ein Mensch wie er auch für mich unsichtbar?

 

Warum ich mit solchen Gedanken anfange? Ganz einfach, weil es genau darum geht.


James Bowen erzählt von seiner Zeit auf der Straße – und zwar vor und nach Bob. Das macht er sehr geschickt, denn er beschreibt, was er mit Bob erlebt hat, und vergleicht das mit der Zeit davor.Er erzählt, wie unsichtbar er damals war – und wie sich das mit Bob plötzlich änderte: Die Leute wollten Fotos, waren interessiert an seiner Geschichte, und das Geld saß auf einmal viel lockerer. Er verdiente mit Bob in einer Stunde mehr als früher an einem ganzen Tag.

 

Ein weiteres Thema ist, dass er einfach verhaftet und unmenschlich behandelt wurde. Später fing er an, als Straßenverkäufer der Obdachlosenzeitung zu arbeiten, und erklärte, wie das System dahinter funktioniert: Er muss die Zeitungen selbst von seinem verdienten Geld kaufen, und was sonntags nicht verkauft wird, landet im Müll. Ein echter Schritt zurück in die Gesellschaft – mit unternehmerischer Verantwortung.

 

Auch das ist ein Punkt, über den ich in Zukunft mehr nachdenken werde: Dass viele dieser Menschen, die auf der Straße Zeitungen verkaufen, wirklich den Willen haben, wieder aus der Bedürftigkeit herauszukommen.

Und dann noch ein Thema: Er hat versucht, einen Job zu finden – aber ihn nicht bekommen, weil er keine feste Adresse hatte. Obwohl die Arbeitgeber mit seiner Arbeit sehr zufrieden waren, scheiterte alles an diesem Punkt.
Der Teufelskreis: keine Adresse – kein Job; kein Job – kein Geld für eine Wohnung; ohne Wohnung – keine Adresse.
Ihr versteht sicher, worauf ich hinaus will.

 

Es war beeindruckend, ein solches Buch von einem Betroffenen selbst zu lesen – und nicht von jemandem, der nur über solche Menschen schreibt.
Er berichtet ungeschönt davon, wie er abgerutscht ist und wie er – auch dank Bob – langsam, aber sicher sein Leben wieder in den Griff bekam.

 

Teilweise war das extrem schwerer Tobak. Ich musste weinen oder das Buch zur Seite legen und erst mal durchatmen, bevor ich weiterlesen konnte. Es war ganz anders, als ich erwartet hatte – und sehr tiefgründig.

 

Doch die Stellen, in denen beschrieben wird, wie er Bob half oder wie Bob ihm half, waren so schön, dass man den Rest gut verkraften konnte.


Man hat auch einiges über das englische Sozialsystem gelernt.

 

Ich kann das Buch wirklich jedem empfehlen.
Und ja – es gibt keine echten Dialoge, keine klassischen Interaktionen, es wird „nur“ erzählt – aber es ist jede Seite wert.

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